Touren

Grenzgänger – Durch Sarek und Padjelanta nach Sulitjelma – 1988

Grenzgänger - Sarek- und Padjelanta, 3. - 14. Juli 1988

Von Kvikkjokk durchs Lullihavagge zum Virihaure und weiter nach Sulitjelma, 133 km

Tag 1: Kvikkjokk - Kaskakårså, 19 km

Sarek 1988. Auf dem Kungsleden zwichen Kvikkjokk und Parek.
Auf dem Kungsleden zwichen Kvikkjokk und Parek.

Die Nacht war schrecklich. Das Moskito-Netz in der gemütlichen Hütte in Kvikkjokk war schlicht nicht dicht. Sehr zur Freude der "Geißel Lapplands", die uns als nächtliche Beute im hohen Norden willkommen hieß. Nach einem ausgiebigen Frühstück trennen wir uns schweren Herzens von unseren letzten frischen Lebensmitteln - unter anderem vom schwäbischen Hefezopf, den unsere Hüttenwirtin staunend in Empfang nimmt. Wir folgen dem Kungsleden nach Nordosten. Zum ersten Mal Kungsleden! Kaum haben wir Kvikkjokk hinter uns, treffen wir alte Bekannte wieder: Unmengen Moskitos stürzen sich auf uns. Wir sind früh dran im Jahr, und das war ihr Vorteil. Sie verleiden uns den ersten Tag fast völlig. Wir haben natürlich Gegenmittel dabei, unter anderem Zedernöl und schlimme chemische Keulen, aber sie versagen alle. In der Moskito-Hochsaison bringen sie höchsten etwas Linderung, mehr aber nicht. Nur eines hilft: Marschieren. Wer rastet, wird ausgesaugt. Also gönnen wir uns bis zum Unna Tata See kaum eine Pause.

Auf der Flucht vor den Mücken

Dort verlassen wir den Kungsleden und folgen - immer noch im Wald - dem mit Stoffbändern an den Bäumen markierten Pfad nach Norden zum Påreks  Lapplager. Unsere geflügelten Freunde machen uns weiterhin das Leben schwer. Wenn ich die auf meiner Stirn erschlage, läuft mir mein eigenes Blut über die Brille. Kein Spaß. Immerhin lenkt das Mückendrama vom schweren und noch ungewohnten Rucksack ab. Oben auf der Ebene bei den Seen gönnen wir uns eine erste Pause und kratzen unsere Stiche. Hier wollten wir eigentlich unser erstes Lager aufschlagen, aber es sind uns immer noch zu viele Mücken unterwegs. Also weiter. Wir fliehen über die Furt, rauschen am verlassenen Lapplager vorbei, ohne davon Kenntnis zu nehmen und haben nur ein Ziel vor Augen: Höhe gewinnen! Völlig entkräftet beenden wir den doppelten Tagesmarsch auf 900 Meter Höhe am  Südhang des Pårek. 

 

 

Tag 2: Kaskakårså, - Kåtok, 7 km

Sarek 1988. Aufstieg zum Stuor Jerta Pass.
Aufstieg zum Stuor Jerta Pass.

Der zweite Tag unserer Tour beginnt mit der gar nicht so leichten Suche nach einer geeignete Stelle, wo wir den wild schäumenden Kaskakårsåjåkkå überqueren können. Die lätsigen Moskitos sind zum größten Teil weit unter uns geblieben, wir müssen also nicht mehr hetzen. Wir holen uns dennoch die ersten nassen und vor allem kalten Füße im Bach und gehen nach einer Rast am Hang entlang weiter nach Nordosten zum Pass zwischen Stuor Jerta und Unna Jerta. Einige weitere kleine Bäche müssen durchquert werden,  bevor wir die Passhöhe erreichen. Steiniges Land umgibt uns, und die Welt ist sehr flach geworden, eine dichte Wolkendecke scheint knapp über unsere Köpfen zu hängen. Wir wollen nach Westen zum Pårte-Gletscher, aber all unsere Versuche den Weg auf der Höhe abzukürzen, scheitern. Der Abstieg wäre zu steil. Wir geben klein bei und steigen hinunter zur Hütte am Kåtok-Bach. Nicht weit davon bauen wir unsere Zelte auf.

Tag 3: Kåtok - Pårtejekna , 5 km

Sarek 1988. Unser Lager hoch über der Parek-Ebene.
Unser Lager hoch über der Parek-Ebene.

Wir haben heute nur eine kurze Etappe vor uns. Es ist aber beileibe keine einfache. Nach Westen zum Pårte-Gletscher wollen wir, wo wir einen Übergang nach Norden über den Kåtok-Bach zu finden hoffen. Dummerweise haben wir damit einen recht unbequemen, und wie sich später herausstellen sollte, auch völlig sinnlosen Weg gewählt. Wir quälen uns durch schier endlose Blockfelder. Außerdem lässt das Wetter nach, dicke Wolken ziehen auf, und es beginnt zu nieseln. In Sichtweite der Gletscherzunge lagern wir. Der Gletscher selbst hüllt sich in Wolken. Von einer Stelle, die uns den erhofften Übergang auf die Nordseite des Tales ermöglichen könnte ist weit und breit nichts zu sehen.

Tag 4: Pårtejekna - Nåitevalta, 22 km

Dicke feuchte Wolken hüllen uns ein. Wir suchen eine Furt. Immer wieder lassen wir uns narren und versuchen unser Glück am Kåtok-Bach, aber der will uns nicht hinüber lassen. Irgendwann stehen wir wieder an der Hütte. Dort, wo wir gestern gestattet sind. Weil es übel regnet und die Hütte offen ist, gönnen wir uns eine wohlbehüt(t)ete Mittagsrast. Danach überqueren wir den Bach ganz einfach auf der Brücke, was wir einen Tag zuvor sinnvollerweise hätten tun sollen. und gehen dann wieder bachaufwärts nach Westen - diemal eben am richtigen Ufer.

Sonnenschein auf der Passhöhe

Sarek 1988. Kurz vor der Passhöhe des Lullihavagge.
Kurz vor der Passhöhe des Lullihavagge.

Plötzlich reißen die Wolken auf, und Sonnenschein gibt uns neuen Mut. Ohne es zu wissen, sind wir unterwegs auf einer weiteren doppelten Tagestour. Wir steigen hinauf zum Südende des Kaskavagges. Vor dem Kaskatjåkkå halten wir uns aber links und folgen dem Lullihavagge. Um uns herum eine grandiose Steinwüste. Nach etlichen Stunden blicken wir hinunter auf das Kåtok-Tal und stehen selbst schon fast im Schnee. Eine Art Höhenrausch packt uns, und wir sind fast schon high, als wir gegen 20.30 Uhr die Passhöhe auf 1340 Meter Höhe erreichen. Stahlblauer Himmel und gleißendes Sonnenlicht machen die Passhöhen-Pause zu einem ganz besonderen Erlebnis. Der Abstieg hinunter ins Sarvesvagge zieht sich. Wir wollen längst lagern, können aber nicht mangels geeignetem Terrain. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, und wir haben immer noch keinen Platz gefunden. Längst ist klar: Wir müssen wohl ganz hinunter steigen. Völlig entkräftet torkeln wir durch den Bach vom Nåitevagge und finden am Fuß des Nåite endlich einen Lagerplatz. Es ist 1.30 Uhr und immer noch hell. Wir schlafen nach einem kurzen Abendessen dennoch schnell ein. 

Tag 5: Nåite, 0 km

Sarek 1988. Sonniges Lager mit Blick auf den Laddepakte.
Sonniges Lager mit Blick auf den Laddepakte.

Wir gönnen uns heute  einen wohlverdienten Ruhetag, und das Wetter gönnt ihn uns auch! Vor uns liegt der Raubtiermarkt, das Waldland zwischen Sarvesvagge und Rapadalen, im Sonnenschein. Bären, Vielfrasse und mehr soll es dort geben. Wir haben allerdings keine Lust, uns durch Sumpf- und Buschland zu quälen. Ein Ausflug auf die Höhen des nahen Nåite belohnt uns mit schier unglaublichen Ausblicken: nach Süden über die Hochebene Luottolakko, nach Westen über den Laddepakte hinaus, nach Norden ins Ålkatj-Massiv und nach Osten das Sarvesvagge entlang. Und: Wir sehen das Lullihavagge fast in seiner ganzen Länge. Stolz sind wir auf unsere Leistung am Vortag und brauchen lange, bis wir unten im Tal unsere Zelte ausmachen können. Was für ein Tag - alle Moskitos sind vergeben und vergessen!

Tag 6: Nåitevalta - Sarvesvagge West, 13 km

Sarek 1988. Mensch gegen Busch im Sarvesvagge.
Mensch gegen Busch im Sarvesvagge.

Das schöne Wetter ist heute leider vorbei. Eher unmotiviert starten wir zur nächsten Etappe unserer Tour. Es regnet zwar nicht mehr, aber die Büsche im östlichen Sarvesvagge sind dennoch klatschnass und laden ihre Fracht bereitwillig auf uns ab. Es dauert also nicht lange, bis auch wir komplett durchnässt sind. Eine kleine Rentierherde begleitet uns durch diesen eher trüben Tag, und wir sind froh, als wir endlich offenes Gelände erreichen. Schluss mit buschig! Ab und zu werden wir ein wenig beregnet, aber dafür ist die Moskitoplage fast völlig beendet. Auf Höhe der Talwasserscheide machen wir eine kurze Rast und finden später ein nettes Plätzchen auf Höhe des Ryggasbergets und lagern dort. 

Tag 7: Sarvesvagge West - Tuottar, 15 km

Noch am Vormittag verlassen wir das Sarvesvagge in Richtung Westen. Ehe wir es richtig begreifen, wird uns klar: Wir haben den Sarek bereits verlassen. Unsere Mittagsrast halten wir bereits im Padjelanta Nationalpark. Nicht ganz ohne Sehnsucht blicken wir auf die schroffen Sarekgipfel zurück. Die Landschaft hat sich fast schlagartig verändert. Nachdem wir die Anhöhe hochgestiegen und über den Rentierzaun geklettert sind, liegt vergleichsweise flaches Land vor uns. Seen bestimmen die Landschaft. An denen kann  man sich längst nicht so gut orientieren wie an Bergen. Und prompt verlaufen wir uns. Es dauert gut eine Stunde, bis wir merken, dass wir zu weit nach Norden abgekommen sind. Wir sind am Rissajaure und damit am falschen See. Etwas entnervt gehen wir über die Höhen im Süden und sind ganz schön froh, als wir unter uns endlich die Tuottar-Hütten am Padjelanta-Weg sehen. Geschafft! Wir können nicht widerstehen und schlafen in einer gemütlichen Hütte.

Tag 8: Tuottar - Staloluokta, 20 km

Sarek 1988. Abendstimmung am Virihaure.
Abendstimmung am Virihaure.

Ein von oben bis unten verregneter Tag. Wir sind natürlich unten, während die Maschinen des Fiskeflyggs oben sind. Sie fliegen zweimal einfach so über uns hinweg. Wir sind neidisch. Es regnet andauernd. Und wir haben keinen rechten Spaß an unseren 20 Kilometern bis nach Staloluoktal.
 Überhaupt macht es nach dem weglosen Streunen im Sarek nicht wirklich Spaß, einem ausgetretenen Pfad zu folgen - Kilometer fressen anstatt den Tag zu genießen. Den Virihaure nehmen wir kaum zur Kenntnis. Erst in der Nacht schlägt er uns in seinen Bann. Um 23.30 Uhr geht die Sonne unter und verwandelt den See in eine schimmernde Farbpalette. Danach sinken wir erschöpft in unsere Hüttenbetten. 

Tag 9: Staloluokta - Staddajåkkå, 14 km

Sarek 1988. Der See, den der Wind kräuselt: Virihaure.
Der See, den der Wind kräuselt: Virihaure.

Die Natur hat ein Einsehen und gönnt uns einen sonnigen Vormittag. Wir schlendern durch das Lapplager, essen Fladenbrot, schmunzeln über den kleinen Kiosk mit Knorr-Produkten im Regal, bewundern die Kirchenkohte und sind völlig fasziniert vom Virihaure, dem "See, den der Wind leicht kräuselt". Erst die schneebedeckten Berge ganz weit hinten am Horizont lassen erahnen, wie groß der angeblich schönste See Schwedens ist. Wir wollen dennoch weiter. Aber kaum haben wir unsere Rucksäcke geschultert, lässt das Wetter wieder nach. Den Weg zum Staddajåkkå können wir nicht wirklich genießen, weil es wieder regnet. Es wird ungemütlich kalt, und wir sind nach der kurzen Etappe nicht willens, eine Fortsetzung der Tagesetappe in Erwägung zu ziehen. Wir beziehen stattdessen die Hütte und sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Was uns auch sehr gefällt, ist die völlige Ruhe nach dem Trubel am Virihaure. 

Tag 10: Staddajåkkå - Sorjushytta, 18 km

Sarek 1988. Am Sorjussee entlang unterwegs nach Norwegen.
Am Sorjussee entlang unterwegs nach Norwegen.

Das Wetter scheint sich wieder bessern zu wollen. Kurz nach der Hütte überqueren wir die wackelige Brücke über den Staddajåkkå und folgen dem markierten Pfad zur letzten schwedischen Hütte. Die hat zwei Namen: Konsul-Personns- und Sårjåsjaure-Hütte. Sie liegt am Ausgang des Sårjåsjaures. Und da wollen wir hin. Der Weg führt einen steilen Hang hinauf, ein natürlicher Damm, hinter dem sich der See aufstaut. Die Hütte liegt oberhalb des Bachs, der dort wild schäumend durch die Felsen bricht. Sie ist klein, und die Betten haben Zwergenmaß. Das Wetter ist ohnehin zu schön zum Aufhören. Wir gehen also weiter, immer am Südufer des Sees entlang. Die Berge am gar nicht so fernen Horizont gehören schon zu Norwegen. Die Landschaft hat sich wieder deutlich verändert, ähnelt wieder mehr dem Sarek. Inzwischen strahlt die Sonne wieder, und wir schmunzeln über die seltsamste Grenzstation, die wir je gesehen haben: Ein Schild in der Wildnis. Mehr braucht's hier nicht. Prima. Der Bach aus dem Koskedal ist uns ebenfalls wohlgesonnen. Wir überqueren ihn ohne Probleme. Seit wir in Norwegen sind, müssen wir uns auf sehr unzureichendes Kartenmaterial verlassen, weil die schwedischen Karten die Grenze im Gegensatz zu uns sehr ernst nehmen: Sie zeigen fast nichts mehr. Wir folgen dem Seeufer weiter westwärts, und erreichen den oberen Sorjus-See. Die Berge rücken wieder näher heran, und wir überqueren so manches steile Schneefeld. Seit dem Virihaure haben wir keinen Menschen mehr gesehen und sind deshalb um so erstaunter, als wir am Ende des oberen Sees plötzlich vor einer Hütte stehen: der Sorjushütte. Die war in unseren Karten gar nicht vermerkt. Auch recht. Wir gönnen uns eine weitere gemütliche Hüttennacht.

Tag 11: Sorjushytta - Sulitjelma, 15 km

Sarek 1988. Der letzte Pass vor Sulitjelma.
Der letzte Pass vor Sulitjelma.

Vor uns liegt die letzte Etappe. Gleich nach der Hütte geht es steil bergauf über ein großes Schneefeld. Die Landschaft wird immer alpiner. Sarek-Liebhaber haben ihre wahre Freude daran. Kleine von Eis bedeckte Seen liegen unter uns, Schneefelder und Felsen prägen das Bild. Nach einem kurzen Anstieg auf die Passhöhe ändert sich die Landschaft drastisch. Hinter uns schroffe Berge, vor uns fällt die Landschaft ab, Sulitjelma kündigt sich an. Hier verläuft die Wasserscheide zwischen Ostsee und Nordmeer.  Unter uns sehen wir den Weg, und der führt genau in den See Langvattnet. Wir umrunden ihn und machen eine verregnete Mittagsrast, bevor wir südlich des Sees wieder auf den Weg stoßen. Der wird urplötzlich zu einer Fahrpiste. Die Zivilisation hat uns wieder. Und wir nehmen zumindest einige ihrer Segnungen gerne an: Zum Beispiel den Lieferwagen, der uns den langen Weg von Ny Sulitjelma hinunter nach Sulitjelma verkürzt. Wir sind am Ziel.